Das Projekt

Wo früher einmal Menschen lebten, singt heute der Pirol …

In diesem Fotoprojekt sollen einstige Bewohner von Lankow im heutigen Umfeld ihres damaligen Dorfes als Silhouetten wieder auferstehen – allerdings nicht wie dunkle Schatten, sondern hell reflektierend.
Die Figuren stammen aus Fotoalben von Lankower Familien unter der Prämisse, dass die Personen nicht zu erkennen sind. Deshalb wurden nur die reinen Umrisse aus den alten Fotos vergrößert, auf Pappe übertragen und mit Reflektionsstoff bezogen.
Mein besonderer Dank gilt den Brüdern Benn, die mir Einblick in ihre Familiengeschichte gewährten und mir viele Bilder zur Bearbeitung überließen. Weiteres Material stammt vom Grenzhus in Schlagsdorf, sowie aus der Sammlung von Frau von Puttkamer aus Dechow.

Am 26. September 2020 von 13 bis 17 Uhr werden einige der Bilder beim Klosterverein Rehna ganz analog zu sehen sein.

Hintergrund

Die heutige Wüstung Lankow war ein Dorf in der Nähe von Dechow und lag idyllisch auf einer Halbinsel am See. Wegen der Grenznähe wurden die Bewohner jedoch ab 1952 zwangsumgesiedelt und die Gebäude 1976 abgerissen.
Ein paar Obstbäume, Ziersträucher und vereinzelte Mauerreste zeugen noch von der einstigen Besiedlung. Inzwischen gehört das Gebiet zum Biosphärenreservat Schaalsee und hat sich zu einem artenreichen Naturlebensraum entwickelt.

Für mich war das Gebiet lange Zeit einfach ein idyllischer Ort zum Spazierengehen mit erstaunlich vielen seltenen Vögeln. Auf den Wiesen finden Bodenbrüter rar gewordenen Lebensraum. Feldlerchen singen über dem hohen Gras, ich habe Neuntöter und Braunkehlchen entdeckt, der Seeadler ist regelmäßig zu sehen und 2020 konnte man sogar Pirole hören.
Ein bisschen gewundert habe ich mich schon, wenn hier und da ein Flieder blühte, im Dickicht Narzissen wuchsen und manche der knorrigen Bäume Äpfel trugen.
Erst nachdem 2009 ein Gedenkstein mit der Aufschrift „Lankow, 1209–1976, Geschleift“ aufgestellt worden war, wurde mir bewusst, dass hier einmal Menschen gelebt hatten, die ihr Dorf unfreiwillig verlassen mussten.
Der Ort erschien mir seitdem in einem anderen Licht und ich stellte mir vor, wie die Leute von Lankow hier umhergingen, sich liebten und stritten, Felder bestellten oder im See badeten.
Inzwischen hat sich die Natur zurückgeholt, was ihr die Menschen nach der innerdeutschen Grenzöffnung überließen. Die damaligen Bewohner an ihrem Ort in der heutigen Landschaftausprägung zu sehen, schien mir zunehmend interessant.

Durch das Corona-Überbrückungs-Stipendium des Landes MV war es mir möglich, Material sowie entsprechende Hardware zu beschaffen und das Projekt umzusetzen.

Zwangsumsiedlung heute

Umsiedlungen unter Zwang sind leider nicht nur tragische Geschichte.
Laut der „Bundeszentrale für politische Bildung“ war 2017 jeder 110. Mensch weltweit aus unterschiedlichen Gründen von Flucht und Vertreibung betroffen. Die Auswirkungen für den Einzelnen bedeuten immer Entwurzelung sowie die Herausforderung eines Neuanfangs in unbekannten Gefilden.

Heimat ist eben nicht nur eine komfortable Unterkunft, sondern umfasst Verlässlichkeit auf gewachsene und erfahrene Strukturen, Lieblingsplätze, Fluchtwege, Kenntnis der Umgebung, gemeinsame Erlebnisse, Rückhalt in Familie und Nachbarschaft …

Auch in Deutschland werden 2020 noch Dörfer und Kleinstädte geschleift.
Das Ende des Braunkohleabbaus ist zwar längst beschlossen, bis dahin werden aber  weiter Geisterstädte verursacht (z. B. Umgebung Garzweiler) und mit allen Folgen für die betroffenen Menschen in Kauf genommen.

Ausblick

Wo einmal Menschen wohnten, singt heute der Pirol – wo einmal Tiere lebten, dominiert heute Bebauung.

Eventuell werde ich das Projekt in diese Richtung ausweiten.
Luchs, Wolf oder Fischotter könnten vorübergehend als reflektierende Silhouetten ins städtische Umfeld einziehen, genau dort, wo sie früher vielleicht natürlichen Lebensraum gefunden hätten.